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Zusammenfassung
Das EU Emissionshandelssystem (engl. Emissions Trading System, ETS) tritt ab 2030 in seine entscheidende Phase ein. Eine zentrale Frage wird sein, wie eine übermäßige Kostensteigerung vermieden werden kann, ohne dabei insbesondere in der Grundstoffindustrie Investitionen in emissionsarme Technologien auszubremsen. Der verzögerte Ausbau der Infrastruktur für Carbon Capture and Storage (CCS) und Wasserstoff (H2) ist dabei eines der wesentlichen Hemmnisse. Während in der Vergangenheit mit eher optimistischen Annahmen gearbeitet wurde, könnte die absehbare Verzögerung die Vermeidungsoptionen der Industrie einschränken, ETS-Preise über ein politisch akzeptables Niveau steigen lassen und damit Wettbewerbsfähigkeit und Investitionssicherheit gefährden.
Wir nutzen das Aurora EU ETS Modell, um zwei Szenarien zu vergleichen: ein Szenario mit schnellem CCS-Ausbau und schneller H2-Skalierung (Base Case) und ein Szenario mit langsamerem Ausbau (Restricted Scenario), in dem zusätzliche Zertifikatsmengen in Form von Carbon Dioxide Removal (CDR) in das ETS integriert werden. Die zentralen Ergebnisse lauten:
- CDR-Integration kann Verzögerungen beim Ausbau von CCS und H2 kompensieren: Im Restricted Scenario ohne CDR steigen die EHS-Preise um 77 %. Ein zusätzliches CDR-Angebot kann diesen Anstieg ausgleichen und die Preise sogar unter das Niveau des Base Case von 203 €/tCO2 im Jahr 2030 senken. Aufgrund antizipativer Marktreaktionen würden ETS-Preise bereits spürbar gedämpft, bevor die eigentliche Integration beginnt.
- Vergleichsweise geringe CDR-Mengen zeigen bereits starke Wirkung: Eine lineare Einführung von CDR ab 2035 bis zu einem Maximum von 40 MtCO2 pro Jahr ab 2039 begrenzt den ETS-Preisanstieg auf 27 %. Dies entspricht einer Preisreduzierung um die Hälfte im Vergleich zum Restricted Scenario ohne CDR-Integration. Eine frühere Einführung ab 2030 mit einem linearen Anstieg auf 80 MtCO2 pro Jahr gleicht den Preisanstieg vollständig aus.
- Die preisdämpfende Wirkung von CDR ist unter plausiblen Kostenannahmen erreichbar: Eine Senkung der ETS-Preise auf das Niveau des Base Case – 203 €/tCO2 im Jahr 2030 und 353 €/tCO2 im Jahr 2040 – ist ökonomisch nur möglich, wenn die Grenzkosten von CDR die jeweiligen Preise im Base Case nicht überschreiten. Dies liegt im Bereich aktueller Kostenschätzungen, insbesondere für die Abscheidung und Speicherung biogener Emissionen (BECCS) und Biochar Carbon Removal (BCR).
- CDR-Integration schafft Handlungsspielräume für den Chemiesektor: Im Restricted Scenario steigt der Vermeidungsdruck auf den Chemiesektor, weil die Minderung anderer ETS-Sektoren, insbesondere Zement, durch die begrenzte Verfügbarkeit von CCS und H2 starken Einschränkungen unterliegt. CDR-Integration stellt den Handlungsspielraum des Chemiesektors wieder her und erweitert ihn sogar, sodass Restemissionen von bis zu 25 Mt im Jahr 2040 und darüber hinaus im Bereich des Möglichen bleiben.
Die Modellierung bildet einige politische Optionen nicht ab, die die Ergebnisse wesentlich beeinflussen könnten und daher bei der Ableitung breiterer Politikempfehlungen berücksichtigt werden sollten:
- ETS-Einnahmen müssen wirksamer zur industriellen Dekarbonisierung genutzt werden: Bislang wurde nur ein kleiner Teil der ETS-Einnahmen – weniger als 5 % – zur Unterstützung der industriellen Dekarbonisierung eingesetzt, einschließlich der Beschleunigung des CCS-Ausbaus und der H2-Skalierung. Die Verwendung eines höheren Anteils dieser Einnahmen könnte ein wichtiger Hebel sein, um ETS-Preise zu dämpfen, indem Investitionen in Vermeidungstechnologien möglich und finanziell attraktiv werden. Dies würde den Annahmen des Base Case näherkommen.
- Internationale Carbon Credits und zusätzliche ETS-Zertifikate sind mögliche, aber riskantere Alternativen zu CDR: Falls reale CDR-Mengen nicht in ausreichendem Umfang vorhanden sind, könnte das Angebot durch internationale Carbon Credits oder zusätzliche ETS-Zertifikate erweitert werden. Beide Optionen bergen jedoch größere Risiken im Hinblick auf Wirtschaftlichkeit, ökologische Integrität und Governance und bedürfen weiterer Analyse. Eine wichtige Voraussetzung für internationale Carbon Credits ist ein hohes Maß an Integrität, das durch zentrale Beschaffung sichergestellt wird.
- Die Marktstabilitätsreserve (MSR) ist ein geeigneter Anknüpfungspunkt für Angebotsanpassungen: Angebotsanpassungen sind essentiell, um den Markt widerstandsfähiger gegenüber Schocks und kurzfristiger Preisvolatilität zu machen. Die MSR könnte als institutioneller Anknüpfungspunkt dienen, um Kohärenz zwischen kurzfristiger Marktstabilisierung und langfristiger Kostenbegrenzung zu gewährleisten.
Die zusammenfassende Empfehlung lautet, angebotsseitige Maßnahmen – vorzugsweise eine Ausweitung des Angebots durch CDR-Integration – mit nachfrageseitigen Maßnahmen zu kombinieren, insbesondere durch die Nutzung von Auktionserlösen zur Unterstützung der industriellen Dekarbonisierung und zur Beschleunigung des CCS- und H2-Ausbaus. Ein solcher Ansatz würde hohe ETS-Preise begrenzen, nachhaltige Anreize für Investitionen in neue Vermeidungstechnologien schaffen und Carbon Leakage wirksam verhindern.
Vollständiges Dossier lesen (auf Englisch)
Frank Best, Michael Pahle, Darius Sultani, Claudia Günther, Malte Herten, Jörn Richstein, Ottmar Edenhofer (2026): A Safety Valve for the EU ETS endgame: Containing Prices through Carbon Dioxide Removal. Kopernikus-Projekt Ariadne, Potsdam.
