Prof. Dr. Manuel Frondel
RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung
„Wir müssen weg von Verboten“
Prof. Dr. Manuel Frondel, Leiter des Arbeitspakets „Wärmewende“, vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, spricht im Ariadne-Interview darüber, was die größten Kommunikationsfehler beim deutschen Heizungsgesetz waren und warum der zweite europäische Emissionshandel (EU ETS2) so wichtig ist.
Manuel, was ist das Spannendste, woran du derzeit arbeitest?
Wir revidieren gerade ein Papier für eine internationale Fachzeitschrift zur Gaseinsparprämie. Sie wurde 2022 vorgeschlagen, um eine Gasmangellage zu verhindern. Nach unseren Ergebnissen wäre das eine sehr teure Maßnahme mit relativ wenig Effekt gewesen, weil die Menschen – aus freien Stücken oder getrieben von den hohen Preisen – ohnehin Gas einsparen wollten. In einem in das Ariadne Wärme- und Wohnen-Panel eingebetteten Experiment haben wir gesehen, dass wir mit so einer Einsparprämie relativ wenig Menschen zusätzlich zum Gassparen bewegt hätten. Deshalb ist es gut, dass die Prämie niemals eingeführt wurde. Wenn wir in diesem Winter wieder Probleme mit Erdgas bekämen und der Vorschlag erneut auf dem Tisch läge, hätten wir damit die passende Antwort parat.
Worum geht es in deinem Arbeitspaket „Wärmewende“?
Der Schwerpunkt unserer Arbeit ist die Reaktion von privaten Haushalten auf energiepolitische Maßnahmen, die im Rahmen der Wärmewende getroffen werden – angefangen bei der nationalen CO2-Bepreisung, die 2021 in Deutschland eingeführt worden ist. Aktuell haben wir einen CO2-Preis von 55 Euro pro Tonne. Das heißt, Heizöl wird dadurch inklusive Mehrwertsteuer um 17 Cent pro Liter teurer. Diese Reaktion auf hohe Energiepreise versuchen wir auf Basis des Wärme- und Wohnen-Panels zu analysieren. Das Panel haben wir 2021 etabliert. Es ist eine Erhebung unter 15.000 Haushalten, davon 10.000 Eigentümerinnen und Eigentümer und 5.000 Mieterinnen und Mieter. Dadurch gewinnen wir einzigartige empirische Evidenz. Wir können zum Beispiel die Effekte von Energiepreisschocks und von Energiepreiserwartungen für die Zukunft ermitteln sowie ihre Auswirkungen, beispielsweise auf den Einbau neuer Heizungstechnologien.
Mit welchen Methoden arbeitest du?
Unser Haupttool ist es, Daten selbst zu erheben und mit Hilfe von mikroökonometrischen Methoden auszuwerten. Unsere Methodik basiert — vereinfacht gesprochen — auf Regressionsanalysen, welche den Wert einer Variablen in Relation zu einer oder mehreren anderen Variablen setzen, um deren Effekte zu schätzen. Das experimentelle Design, das wir individuell für jedes Experiment aufsetzen, erlaubt uns kausale Effekte zu identifizieren. Das wird natürlich noch theoretisch unterfüttert. Wir versuchen, wo immer es geht, Empirie mit Theorie zu verbinden.
Das Wärme- und Wohnen-Panel ist dazu ein sehr wertvoller Datensatz, der zum einen den theoretischen Energiebedarf der Haushalte aufgrund von Gebäudecharakteristika bestimmen kann, zum anderen den tatsächlichen Energieverbrauch. Denn es gibt eine Lücke zwischen theoretischem Energiebedarf und dem tatsächlichen Verbrauch. Und wir können die soziodemographischen und sozioökonomischen Charakteristika der Haushalte erfragen und damit den Energieverbrauch erklären. Dieser Datensatz ist weltweit einzigartig, weshalb wir hoffen, dass er auch über das Projekt Ariadne hinaus gefördert wird.
Was sind die größten Herausforderungen innerhalb der Wärmewende?
Nahezu alle Maßnahmen innerhalb der Wärmewende sind relativ teuer. Es beginnt mit dem Heizungstausch, bei dem schon einige Zehntausend Euro pro Haushalt fällig werden. Aber es wird noch viel teurer, wenn ein altes Gebäude energetisch saniert werden muss. Deshalb werden für einkommensschwache Haushalte die Investitionskosten für Wärmepumpen bis zu 70 Prozent subventioniert. Das ist eine milliardenschwere Maßnahme. Wir sollten genau überlegen, ob wir jetzt viele Milliarden in Wärmepumpen stecken wollen – und damit möglicherweise gar nicht die Haushalte primär fördern, sondern vor allem die Wärmepumpenhersteller. Denn Wärmepumpen sind hier in Deutschland deutlich teurer als in anderen Ländern.
Und was sind die größten Hebel innerhalb der Wärmewende?
Leider ist die Zahl der möglichen Hebel nicht besonders groß. Einfache Maßnahmen, wie die Optimierung der Heizungseinstellungen, sind für jeden Haushalt sehr zu empfehlen. Aber das hilft bei der Treibhausgasminderung nicht besonders. Bei den großen Hebeln Heizungstausch und energetische Sanierung werden die Kosten nicht wesentlich sinken. Deshalb wäre mein Plädoyer, dass wir uns mehr Zeit lassen, um die Kosten nicht ausufern zu lassen. Sonst müsste der Staat mit sehr hohen Subventionen eingreifen. Der zweite große Hebel ist der geplante zweite EU-Emissionshandel für die Sektoren Verkehr und Wärme, der einen einheitlichen CO2-Preis auf europäischer Ebene setzen wird. Das hätte den Vorteil, dass Maßnahmen, die im deutschen Heizungskeller besonders teuer sind, nicht zwangsweise ergriffen werden müssen, weil woanders in Europa kostengünstigere Maßnahmen möglich sind. Es würde dem Klima auch helfen, wenn beispielsweise in Ungarn statt einfach verglasten dreifach verglaste Fenster eingesetzt werden. Ich habe mich in den osteuropäischen Ländern selbst davon überzeugt, dass es noch viele kostengünstige Maßnahmen gibt, die dort umgesetzt werden können. Es muss nicht immer die teure Wärmepumpe im deutschen Heizungskeller sein.
Was meinst du mit der Aussage, wir sollten uns mehr Zeit lassen?
Damit meine ich, dass wir nicht wie im Heizungsgesetz ursprünglich vorgesehen von einem auf das andere Jahr den Einbau fossiler Heizungen komplett verbieten. Aus meiner Sicht muss das nicht sein, wenn wir mehr auf den europäischen Emissionshandel setzen. Er wird zwar erst 2028 eingeführt und auch keine Revolution im deutschen Wärmesektor mit sich bringen. Aber er wird helfen, die Emissionen europaweit zu mindern. Nationale Verbote helfen nicht dabei, die europäischen Emissionen zu senken: Werden durch nationale Verbote CO2-Zertifikate frei, gehen diese an andere Länder und sorgen dort für einen höheren CO2-Ausstoß. In Summe haben wir damit nichts gewonnen.
Stichwort Heizungsgesetz. Als dieses an die Öffentlichkeit geriet, ist in der Kommunikation einiges schiefgelaufen. Was war für dich hier das größte Versäumnis ?
Ich glaube einer der größten Kommunikationsfehler war, nicht gleich den falschen Eindruck auszuräumen, man müsste sofort funktionierende fossile Heizungen durch neue emissionsarme Heizungen ersetzen. Das hatte viel Aufregungspotenzial. Dabei gäbe es Möglichkeiten, den Übergang zu erleichtern, beispielsweise durch Kombinationsmöglichkeiten aus fossilen Heizungen und Wärmepumpen. Ein zweites Defizit ist die fehlende Kommunikation bei der 65-Prozent-Regelung, nach der neu eingesetzte Heizungen zu 65 Prozent auf Erneuerbaren Energien basieren müssen. Ich würde sagen, ich bin ein Experte auf diesem Gebiet, aber wie der 65-Prozent-Wert zustande kommt, erschließt sich mir bis heute nicht gänzlich. Es hätte den Bürgerinnen und Bürgern unbedingt klar kommuniziert werden müssen, auf welcher Überlegung der Wert von 65 Prozent basiert, und erst recht, welche Heizoptionen künftig noch möglich sind.
Die neue Bundesregierung will das Heizungsgesetz noch einmal überarbeiten. Was erwartet uns deiner Einschätzung nach?
Ich würde lieber meine Hoffnungen ausdrücken. Ich hoffe, dass das Quasi-Verbot von fossilen Erdgasheizungen aufgehoben wird und stattdessen Kombinationslösungen aus fossilen Heizungen und geringer dimensionierten Wärmepumpen möglich werden. Wenn wir in Deutschland aufgrund von Verboten die soziale Akzeptanz der Wärmewende gefährden, macht das Beispiel der deutschen Wärmewende international keine Schule. Der globale Klimaschutz würde davon nicht profitieren. Wir müssen meines Erachtens nach von Verboten weg und die Bevölkerung mitnehmen – und zwar nicht, indem wir mit hohen Subventionen die soziale Akzeptanz erkaufen.
Wo innerhalb der Wärmewende steht Deutschland?
Entgegen aller medialen Berichterstattung muss ich sagen, dass Deutschland gar nicht so schlecht da steht. Nach den Zahlen des Umweltbundesamtes haben wir im Gebäudesektor seit dem Jahr 2010 die Emissionen von etwas über 140 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten auf rund 100 Tonnen senken können. Das ist immerhin ein Rückgang um etwa 30 Prozent innerhalb von 15 Jahren und durchschnittlich gut 2 Prozent pro Jahr. Und das war ohne Verbote möglich. Natürlich haben die hohen Energiepreise in den Jahren 2022 und 2023 besonders geholfen. Und wir haben zwar die selbst gesetzten deutschen Klimaschutzziele in diesem Sektor verfehlt, allerdings nur leicht. Deshalb bin ich der Meinung, dass wir darauf vertrauen können, dass es mit den Emissionssenkungen im Wärmesektor stetig weitergeht. Wunder kann man natürlich nicht erwarten. Wir müssen Geduld haben und auf die Zeit setzen.
Wie blickst du in die Zukunft?
Ich bin von Haus aus ein Optimist und daher auch mit Blick auf das Klima eher optimistisch. Ich bin allerdings ziemlich pessimistisch, was unsere wirtschaftlichen Aussichten angeht. Die Regierung sollte sich sehr genau überlegen, wie und wo sie Geld investiert. Ich rate der Politik, zukünftig mehr Geld für Forschung, Entwicklung und Bildung auszugeben. Diese Bereiche erbringen erwiesenermaßen sehr hohe Renditen. Unser Wachstumspotenzial könnte wieder steigen, wenn die Politik massiv in KI-Technologien, Quantencomputer und Rechenzentren, aber auch in die Erforschung neuer Energieerzeugungs- und Speichertechnologien investieren würde.



